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Nachgefragt - Interviews zum Thema Laufen

Fränzi Gissler - Laufschule Scuol

Die Faszination des Trail-Runnings

Du leitest die Laufschule Scuol, im Unterengadin. Als ausgebildete Geographin/Meteorologin ein überraschender Werdegang.

Einerseits war es ein Traum, das Hobby zum Beruf zu machen. Andererseits hat es mich schon als Kind immer in die Berge gezogen. Die zwei Faktoren haben am Ende zu der Entscheidung geführt, meine Zelte im Unterland abzubrechen und hier mit meinem Partner Lukas die Firma Outdoor-Engadin aufzubauen.

Fränzi Gissler, Laufschule Scuol
Fränzi Gissler, Laufschule Scuol

Best Swiss Team Transalpine Run 2007-2009, 2. beim Worldchampionschip Duathlon. Das tönt nach einer verbissen trainierenden Sportlerin, oder?

Es ist immer die Frage: „Was ist verbissen“. Für mich hat „verbissen“ etwas Engstirniges und Unflexibles. Ich betrachte mich als sehr variantenreiche Person. Früher waren im Spitzensport andere Ziele im Vordergrund. Jetzt, wenn ich die Fäden selber in den Händen habe, bin ich mehr die Geniesserin. Zwischendurch gehört es aber auch dazu, auf die Zähne beissen zu müssen. Sport ist für mich Lebensqualität.

Wann hast du das Traillaufen für dich entdeckt?

Ich war als Kind schon immer gerne quer durch den Wald und über die Felder unterwegs. Das war aber kein Training, sondern Spass an der Bewegung und am Spiel. Später beim Triathlon-Training lief ich auch gerne mal abseits der Strassen. Das Trailrunning, so fokussiert, wie ich es heute mache, habe ich in Kanada und Australien im Jahr 2000 angefangen.

Was fasziniert dich am Traillaufen?

Die Ungebundenheit im Sinn von Freiheit. Das Einswerden mit der alpinen Natur. Das Spielen mit dem Gelände. Es ist etwas stark Naturverbundenes. Trailrunning ist die Verbindung von Natur, Umwelt, Körper und Geist.

Laufschule Scuol - Trailrunningkurse

Wie unterscheidet sich Traillaufen gegenüber dem Laufen in der Ebene?

Es ist sicher einerseits die Abwechslung der Topografie, dem Gelände. Strassenlauf kann auch abwechslungsreich sein, aber für mich ist es der Naturaspekt, welcher eine viel grössere Rolle einnimmt. Im Gelände lebe ich viel mehr mit der Natur. Das ist für mich ein intensiveres Laufgefühl.

Jemand möchte mit Traillaufen beginnen. Welches sind die wichtigsten Tipps?

Locker an etwas herangehen. Sich etwas zutrauen, aber sich nicht überfordern. Einfach einmal die gewohnte Laufrunde verlassen und einen Feldweg, einen Trail auszuprobieren – und schnell wieder auf die Strecke zurück zu können. Das Ganze Schritt für Schritt ausbauen. Sich ganzheitlich an das Trailrunning herantasten.

Welches sind die häufigsten Fehler, die Läuferinnen und Läufer beim Trailrunning unterlaufen?

Ich rede nicht gerne von Fehlern - eher von „Misstritten“. Man muss Fehler machen, um etwas lernen zu können. Ein wichtiger Punkt ist die Überforderung – vor allem mit dem Tempo, der Intensität. Man kann viel länger laufen, als man denkt, wenn das Tempo gemächlich gewählt wird. Trail ist meist mit vielen Höhenmetern verbunden. Eine geplante Pace muss man sich da unbedingt aus dem Kopf schlagen.

Traillaufschuhe Salomon XT Wings

Was muss deiner Ansicht nach ein guter Traillaufschuhe erfüllen?

Der Traillaufschuh muss zum Läufertyp passen: Statur, Lauftechnik. Ein Trailschuh bietet eine grössere Stabilität und Führung, die man im Gelände – vor allem im alpinen - benötigt. Der Schuh weist eine Sohle mit gutem Grip auf. Das sind die zwei wichtigsten Punkte. Dann kommen Komfortüberlegungen dazu: Will ich mehr einen gedämpften oder weniger gedämpften Laufschuh, bei dem ich den Untergrund besser spüre? Laufanfänger empfehle ich einen etwas gedämpfteren Schuh. Mit einem flachen, ungedämpften Modell könnten Anfänger Probleme bekommen.

Welche zusätzliche Ausrüstung empfiehlst du für das Trailrunning?

Da kommt es darauf an, wie lange und wo man unterwegs ist. In den Bergen bin ich meist 2 bis 3 Stunden unterwegs. Da kommt eine Wind- / Regenjacke mit in den Rucksack, ein T-Shirt zum Wechseln, je nach Höhe ein paar lange Laufhosen. Trinkflasche, Kopfbedeckung, Sonnencrème und Sonnenbrille, Traillaufschuhe. Ein Laufrucksack, der eng an den Körper anliegt und an keinen Stellen scheuert. Bike-Rucksäcke sind oben gerade geschnitten und eigenen sich nicht fürs Trailrunning. Bei längeren Touren Nahrungsmittel, GPS oder Barometer, Rettungsdecke und eine kleine Apotheke. Das Wetter kann schnell umschlagen oder man knickt mit dem Fuss um.

Welches sind die grössten Gefahren beim Traillaufen?

Im Leben ist alles gefährlich, wenn man sich nicht gut darauf vorbereitet. Gute Fussmuskulatur ist besonders wichtig, um agil zu laufen. Gute Traillaufschuhe geben zwar Stabilität, aber der Fuss muss sich selber stabilisieren können. Umknicken geschieht schnell einmal. Eine grosse und häufige Gefahr ist die Überschätzung: Mann läuft zu schnell, man will zu weit oder hat zu wenig Getränke mit dabei. Das richtige Einschätzen von Gelände, Länge des Trails und der Intensität ist sehr wichtig.

Wie fit muss man sein, um mit dir einen Anfänger-Trailausflug zu machen?

Wer gerne läuft, ist dabei. Ich gehe sehr auf die Teilnehmer ein. Da ist alles möglich: Von einem kleinen Trail in der Umgebung des Dorfes bis zu einer grossen Berglauftour. Wer eine Dreiviertelstunde in ganz ruhigem Rhythmus am Stück laufen kann, ist bei mir mit dabei.

Laufkurse Laufschule Scuol

Was für Leute melden sich zu deinen Laufkursen an?

Das ist sehr unterschiedlich. Altersmässig von 25 bis 68 Jahren. Das Hauptspektrum ist zwischen 25 und 50, Männer und Frauen ziemlich gleichmässig verteilt. Tendenziell nehmen immer mehr Frauen teil. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich als Frau den Kurs leite. Frauen haben am Berg eine Hemmschwelle, wenn sie in einer Männergruppe mitlaufen. Sie haben dann das Gefühl, die laufen ihnen am Berg davon. Mit einer Frau als Kursleiterin haben sie scheinbar mehr Vertrauen.

Es sind von Leuten, die wirklich das erste Mal Trailrunning machen, bis zu erfahrenen Trailläufern, die einen mehrtägigen Berglauf planen und sich darauf optimal vorbereiten wollen.

Wie hat sich das Traillaufen in den letzten 10 Jahren verändert?

Die Bewegung an und für sich gibt es genau genommen schon seit Urzeiten. Das war schon vor dem Strassenlaufen so. Das, was sich in den letzten 8 bis 10 Jahren entwickelt hat, ist das Suchen nach dem natürlichen Umfeld, dem Gelände. Man kommt weg vom reinen Leistungsgedanken. Im Vordergrund steht mehr das Lauferlebnis. Der wichtige Unterschied ist sicher auch, dass man der Bewegung einen Namen gegeben hat. Ein Wirtschaftszweig mit Trailrunning-Produkten ist entstanden. Vor 10 Jahren wurde ich schräg angeschaut, wenn ich mit Rucksack in den Bergen laufend unterwegs war. Heute ist das nicht nur legitim, es ist eine neue, eigene Disziplin mit spezifischem Material. Eigentlich ist es nur ein Zurück zum Ursprung des Laufens.

Als Trailläuferin bewegen wir uns in der freien Natur. Was ist hier zu beachten?

Wir sind Gast in der Natur und im Gelände. Eine ungemähte Wiese zu durchlaufen, ist ein „No Go“. Wildschutzgebiete im Winter sind zu beachten und man läuft nicht einfach querfeldein. Mit gesundem Menschenverstand durch die Natur laufen.

Welche Projekte hast du in der Pipline?

Ich habe ganz viele Projekte und Ideen. Das nächste Projekt ist Trailrunning in Slowenien. Ich nenne es „Trail Running Adventure-Week“. Es geht um „Landschaft, Leute, Natur entdecken“. Wir werden dort vier bis sechs Stunden pro Tag unterwegs sein. Meine persönlichen Wettkampf-Projekte sind dieses Jahr mit dem 4Trails (4-Tages-Etappenberglauf) im Juli und dem MountainMan-Marathon im August sprichwörtlich schon ‚gelaufen’... sie waren beide auf ihre Art intensiv, aber ich bin ganz zufrieden.

Gib es für dich den „Flow“ in den Bergen?

Ja, ganz extrem. Das kann aber unterschiedlich sein: Manchmal hat man des Gefühl, es braucht kaum Kraft, um im Gelände unterwegs zu sein. Es gibt aber auch den „Flow“, wenn ich unterwegs bin und plötzlich vor mir einen startenden Bartgeier habe. Es kann das Bergpanorama sein oder das Lauftempo. In einer Berghütte einen Kaffee angeboten zu bekommen und zwei Stunden quatschend zu verweilen. Da gibt es sehr viele unterschiedliche „Flow-Aspekte“.

Die Faszination des Trail-Runnings in einem Satz zusammengefasst:

Das ungebundene freie Sein des Laufens.

Fränzi Gissler, herzlichen Dank für das Interview.


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