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Der Longrun muss hart sein - er muss weh tun

Eine Woche Training bei den Kenianern in Iten. Von Anja Prieler.

Lauftraining bei den Kenianern in Iten

Samstagmorgen in Iten. Es ist 5:30 Uhr und noch dunkel. Dichter Nebel liegt in der Luft. Alles ist ruhig. Man hat das Gefühl, ganz Iten schläft noch. Hin und wieder sieht man eine dunkle Gestalt vorbeihuschen. Und dann, irgendwann, kann man sie erkennen und hören – die Autolichter und Motorengeräusche der Begleitfahrzeuge, die Trainer und die grossen Läufergruppen, die noch auf die letzten Trainingspartner warten.

Es werden die letzten Schuhbänder gebunden und es wird leicht gedehnt. Es liegt Spannung in der Luft – denn heute ist Samstag: „Long run day“. Der letzte Trainingstag, das härteste Training und die wichtigste Einheit der Woche. Die ganze Woche wird diesem Tag entgegengefiebert wie zu einem wichtigen Wettkampf. Da kann es schon vorkommen, dass einer in der Nacht zuvor nicht gut geschlafen hat. Bananen als Mitternachtssnack dürfen nicht fehlen und natürlich steht eine volle Wasserflasche neben dem Bett.

Die farbenfrohe Schar startet in den frühen Morgen

Long run day bei den Kenianern

Sechs Uhr und es geht los. An verschiedenen Treffpunkten starten unterschiedliche Trainingsgruppen den Long Run. Die Gruppen bestehen aus 50, 100 oder manchmal sogar 200 Läufern mit Begleitfahrzeugen, in denen meistens die Trainer oder Manager sitzen, die sich an die Spitzengruppen halten. Der Nebel weicht langsam, aber kontinuierlich der aufgehenden Sonne und Iten fängt an in den leuchtendsten Farben zu glänzen. Die dutzenden von Läufern strahlen in ihren grünen, blauen, roten und gelben Adidas-, Nike- und Mizuno-Leibchen und verwandeln den Ort und sein Drumherum in eine wunderbar bunte Welt.

Das hier ist Motivation. Das ist Training. Das ist Langstreckenlauf in seiner reinsten Form. Der Longrun muss hart sein. Er muss weh tun. Um es in den Worten der Kenianer zu formulieren: „You must feel something!“. Die Kenianer absolvieren je nach Trainingsziel zwischen 25 und 45 km in einer „high pace“, die ein bisschen langsamer als das Marathontempo ist. Wie du dir vorstellen kannst, gestaltet sich das auf 2400m Höhe und in einem alpinen Gelände, in dem es mehr bergauf als bergab geht, nicht ganz so einfach. Besonders wenn es Regenzeit ist, hat man hier grosse Probleme mit den längeren Läufen. Dann verwandelt sich ganz Kenia in ein grosses Matschfeld und die Schuhe haben binnen Sekunden rund fünf Kilogramm mehr Gewicht.

Die Kenianer - Meister im positiv Denken

Nicht alle bleiben beim Longrun im Spitzenfeld dabei. Schon nach ein paar Kilometern splittet sich das Feld, denn dass man hier in sechs Minuten pro ersten Kilometer startet, ist ein Gerücht. Vielmehr sind die Kenianer schon anfangs ungewohnt zügig unterwegs. Dass jedoch in 3 min/km-Pace und schneller gefinisht wird - das stimmt. Von Anfang an wird also drauf los gedonnert und am Ende trotzdem noch was drauf gelegt. Ganz nach dem Motto „Nur die Harten kommen durch“ und wer nicht dabei bleibt, auf den wartet auch niemand. Sollte jemand nicht ganz so einen guten Tag haben, tut dies der Laune aber auch keinen Abbruch. Die Kenianer sind Meister im positiven Denken und so gehört der Satz „no problem“ auch zu ihren allerliebsten. Die Läufer können nur den Samstag nach dem Longrun geniessen. Spätestens sonntags nach dem Frühstück spricht schon wieder ganz Iten vom anstehenden Montags-Training.


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