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Regenwurm-Lauftraining

Sandkorn - die Laufkolumne

...nicht schon wieder laufen müssen...

Unmotiviert zum Lauftraining

Mit grosser Überwindung raffe ich mich auf. Schon gestern ging es mir genau gleich. Ich werfe kritisch einen Blick nach draussen. Es regnet. Nichts Besonderes. Es regnet schon den ganzen Tag. Aber wirklich Regen – nicht nur ein Tröpfeln - nein: Es schüttete. Nun sah es fast so aus, als würde das Wasser langsam ausgehen. Anziehen und raus. Nur nicht zu lange nachdenken, sonst kommt mir vielleicht noch ein Grund in den Sinn, warum ich NICHT rausgehen sollte.

Ich habe genügend Gründe, nicht laufen zu müssen

Da liegt doch noch das Englisch-Heft auf dem Tisch. Gestern hatte ich schon „frei“ genommen. Heute sollte ich doch wenigstens eine halbe Stunde…
Daneben stapeln sich halb fertige Arbeiten, die bis Ende Woche erledigt werden sollten und weil mein geliebtes Bildbearbeitungsprogramm langsam in die Jahre gekommen ist, möchte ich mich gerne mit dem neuen etwas anfreunden. Doch dieses bockt und macht nicht das, was ich will. Es braucht dort also ruhige Minuten, um Schritt für Schritt vorzugehen. Genug Gründe, das Laufen sausen zu lassen.

Schon eigenartig: Eigentlich musste ich mich bis jetzt äusserst selten zum Lauftraining überwinden, aber diese Woche ist es schon das zweite Mal. Und das nicht wegen dem Wetter. Ich gehe prinzipiell fast bei jedem Wetter raus.

Eine schwierige Entscheidung

Ich schleiche nochmals zum Küchenfenster, dann ins Badezimmer, wo die Laufausrüstung schlummert.

Zehn Minuten später stehe ich auf dem nassen Pflaster. Der Regen hat deutlich nachgelassen. Meine innere Bremse nicht. Ich frage mich, warum ich jetzt im Dunkeln noch diese Runde unter die Füsse nehme. Weiss auch nicht genau - ich laufe einfach los. Die Luft ist kühl und wenigsten pollensauber, meine Muskeln produzieren Energie und ich bekomme langsam warm.

Auch die Regenwürmer sind unterwegs

Im fahlen Licht einer Strassenlampe sehe ich Regenwürmer über den Gehsteig kriechen. Hast du gewusst, dass die Würmer nicht aus Liebe am Regen rauskommen, sondern die Erdhöhle verlassen müssen, weil sie sonst jämmerlich ersaufen würden? Ich musste auch raus, auch wenn’s bei mir (noch) kein Wasser in der Wohnung hat.

Während ich in Gedanken vom Thema Regenwurm zu den Schnecken komme, wird die Lauffrage in den Hintergrund verdrängt. Ich überlege mir, ob die Schnecken wohl den Regen lieben? „Kleine Schnecke lauf, lauf, lauf, lauf, kleine Schnecke lauf“ – Ein Internet-Ohrwurm aus einer Seite für Kids (www.philip-maus.de/) fängt mich an zu verfolgen. Dieses Lied lieben meine zwei Kinder über alles und ich musste es ihnen unzählige Mal im Internet laufen lassen, währenddem sie mit grossen Augen auf dem Bildschirm eine animierte Schnecke aus dem Bild kriechen sahen. Es gibt sogar eine Laufschnecke im Internet, wirklich! Vorne www und hinten de. Und eine Rennschnecke gab es doch in der "Unendlichen Geschichte" von Michael Ende.

In der Dunkelheit schieben sich die Scheinwerfer der Autos über die nah gelegene Stadtautobahn und rote Rücklichter entfernen sich in die entgegen gesetzte Richtung. Auf der nassen Strasse reflektieren sich die Strassenlampen, Lichtsignale und die Lichter der vorbeizischenden Autos.

Einen Drittel der Pflichtrunde habe ich hinter mir. Im Kopf immer noch wenig Lust zum Laufen, während sich der ganze restliche Körper bereits total auf Laufen eingestellt hat und die Schritte automatisch abspult. Auf einem Plakat das Gesicht einer Frau, die Hände unter dem Kinn. Reklame für ein Modegeschäft. Die Finger und Fingernägel des Models sehen aus, als müssten sie den ganzen Tag nur in Modejournals blättern. Die Strasse steigt leicht an. Vor mir eine Frau mit einer Einkaufstausche. Sie kann sich keine solchen Fingernägel leisten. Das Überholen fällt mir leicht – ich hab ja auch keine Tasche zu schleppen.

Über den Gehsteig fliesst ein meterbreites Rinnsal aus der angrenzenden Wiese und zeigt deutlich, wie viel Wasser heute vom Himmel heruntergeplätschert ist. Noch während ich mir überlegte, ob ich wirklich heute ein paar Steigerungsläufe einbauen sollte, spurte ich los, steigere das Tempo bis meine Füsse über das Pflaster wirbeln wie eine Marionette, die man kräftig schüttelt. Ging gut, machte noch ein bisschen Spass. Aha – da ist sie wieder, die Motivation. Wo war sie nur so lange? Es geht wieder bergab und das Laufen beflügelt. Etwas weiter unten biege ich wieder in die Hauptstrasse, welche nach Hause führt. Jetzt habe ich die Hälfte geschafft. Vor mir sehe ich schon den Elektro-Verkaufstempel, nach welchem ich diese Runde benannt habe. Das war vor sieben Jahren, als ich mit Laufen angefangen hatte. Der Name hat inzwischen bereits dreimal gewechselt – nur der Fahrradständer ist noch immer der gleiche.

In Gedanken versunken reisst mich ein Hupkonzert wieder in den Wilden Westen der Strasse zurück. Das passiert mir hier oft am Freitag- oder Samstagabend, wenn ich die beleuchtete Runde den Waldwegen vorziehen muss. Der Fahrer drückt sein Gaspedal voll durch und mit heulendem Motor verschwindet der Wagen gefolgt von einer Gischt aufgewirbeltem Wasser in der Ferne. Das ist die jüngere Generation. Mit dem Auto im Ausgang - auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Es wird wieder ruhiger. An den Ästen hängen tausende von Wassertropfen, die wie kleine Diamanten im Licht der Strassenlampen schimmern, um im nächsten Moment auf den Gehsteig zu fallen und danach in hunderten von kleineren Diamanten zu zerspringen. In den Pfützen lösen sie kreisrunde Wellen auf, die schon Augenblicke nach ihrem Entstehen wieder verschwunden sind als wären sie nie da gewesen.

Die Runde ist bald zu Ende und war doch noch recht abwechslungsreich. Ich geniesse am Laufen die Gedanken, die sich so frei spielen lassen. Es hat sich also trotz allem gelohnt und der leichte Regen war eine willkommene zusätzliche Kühlung.

Nach dem Duschen, Dehnen und Auffüttern fühle ich mich so richtig verändert – nur auf dem Tisch liegt immer noch das Englischheft…

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